Meditating the Line

Meditating-the-Line-catalogue-cover-1

„Jede Erscheinung kann auf zwei Arten erlebt werden“, sagt Wassily Kandinsky einleitend zur spirituellen Ausdruckskraft von „Punkt, Linie und Fläche“ (Wassily Kandinsky,
Punkt und Linie zu Fläche: ein Beitrag zur Analyse der malerischen Elemente, München, 2. Auflage 1928, S. 11). Diese Untersuchung markiert einen wichtigen Schritt hin zur Autonomie der künstlerischen Mittel, der Linien und Farben über die Funktion der gegenständlichen Darstellung hinausführt. Kandinsky unterscheidet, was die Betrachtung betrifft, zwischen einem Fokus aufs „Äußere“ und einem aufs „Innere“. Das Äußere wirke wie eine Spiegelung auf einer Fensterscheibe, das Innere sei wie eine geöffnete Tür zu einem „Spiel von horizontalen, vertikalen Strichen und Linien, die sich durch die Bewegung nach verschiedenen Richtungen neigen, von sich aufhäufenden und sich zerstreuenden Farbflecken, die bald hoch, bald tief klingen.“ Kandinsky suchte über die exakte Wirkanalyse von Farbe und Form visuelle Entsprechungen zu finden, die mehr als eine Spiegelung „auf der Oberfläche des Bewusstseins“ seien. Diese künstlerische Wiedergabe eines seelischen Erlebens war, was ihn künstlerisch vorantrieb, angeregt von fernöstlicher Philosophie und zeitgenössischer Theosophie.
Künstlerisches Tun wird so auch zu einer meditativen Praxis: eine Einübung in die Freiheit von Zuschreibungen, aber auch ein lebenslanger Versuch der Annäherung an die Eigendynamik des Schöpferischen, oftmals streng gerahmt von Routinen der Perfektionierung des Überlieferten durch stete Wiederholung. Ich möchte das Werk von Luise Kloos in diese kunsthistorische Tradition stellen. Sie hat sich mit unglaublicher Leidenschaft und Konzentration in buddhistische Maltechniken vertieft, sich dieses minutiöse und präzise reglementierte Zeichnen mit feinstem Pinsel und ausgesuchten Pigmenten angeeignet. Daraus hat sie dann Zugänge der Verinnerlichung des Arbeitens mit Linien- und Farbgeweben entwickelt, durch die sie zeitlos-schwebende Klangbilder erzeugt. Sie hat hier einen ganz eigenen Weg, sehr inspiriert von der zeitgenössischen Musik und der Dynamik des Klingens. Ähnlich dem Glockenläuten, wo im Moment dichter Überlagerungen das einzelne Klangelement kaum noch identifizierbar ist, dafür aber eine feine ineinander verwobene Synthese und Verflechtung aus all den Teilen entsteht, die dann zu etwas für sich Eigenem wird, ein Mehr als die Summe seiner Teile – und das, wenn wir zurück zu Kandinsky denken, möglicherweise vermag, der Betrachterin, dem Betrachter gleichsam „eine Türe zu öffnen“.
Ich sehe ihre experimentellen Linien- und Farbstudien sowohl als spirituelle Praxis als auch als Versuch, dem Moment der Verwandlung, dem turning point der Gestaltung immer weiterforschend auf die Spur zu kommen. In dichten Überlagerung von Farbschichten und linearen Rhythmen und unter Mitwirkung des Zufalls bewegen sie sich entlang der Suche nach dem Moment des Mehr. Man kann durchaus versuchen, diese Bilder rückwärts zu lesen, im Prozess ihrer Herstellung. Aber dieses Geheimnis geben sie nicht mehr preis, sie haben sich in unspezifische Farb-Linien-Klang-Räume verwandelt, die vor allem zur Vertiefung einladen.
Josip Zanki, kongenialer Partner von Luise Kloos in zahlreichen gemeinsamen und europaweiten Kunstprojekten seit Jahrzehnten, hat sich ebenfalls auf seine sehr spezifisch eigene Weise dieser meditativen Praxis angenähert. Auch bei ihm ist sie getragen von einer langjährigen Auseinandersetzung mit tibetischer Malerei. Er hat in seinem bildkünstlerischen Oeuvre einen markanten und eindeutig wiedererkennbaren Stil – man könnte fast Schreibweise dazu sagen – entwickelt: dicht geführt in monochromem Grau ziehen sich die Linien der Gegenstände durch den Bildraum, schreiben ihre Konturen ab und beschreiben so einen symbolischem Blick auf die Welt, zu inneren Bildern verdichtete Eindrücke, gespeist von der Liebe zu Landschaften der Kindheit und hier wohl besonders zu den Bäumen, dem Wald. Nicht umsonst gibt es die japanische Tradition des Waldbadens: Der biophile Mensch erholt sich im Ordnungsmuster, das ein intakter Wald bildet, hier verweist alles auf alles, ein dichtes Kommunikationsgewebe aller Bewohner dieser Lebensgemeinschaft. Und auf eine gewisse Weise erinnern beide künstlerischen Zugänge an ein Walderlebnis, als sehendes Erwandern der verborgenen Ordnung des Dickichts.
Astrid Kury, 1.7.2020

Katalog als PDF herunterladen